
Jeden letzten Freitag im Monat ist Spielzeugtag im Kindergarten des jüngeren der Brüderdetektive. Die Kinder dürfen ihr Lieblingsspielzeug mitbringen und den ganzen Tag nach Herzenslust damit spielen. Nur in der Mittagsruhe, wenn sich alle hinlegen und eine Geschichte hören, verschwinden die Spielzeuge im Eigentumsfach des Ankleidezimmers. Dieses Zimmer befindet sich einen Stock weiter unten im Erdgeschoss gleich neben dem Eingang zum Kindergarten.
An diesem Spielzeugtag hatte sich der jüngere der Brüderdetektive nach dem Mittagessen in einer Ecke des Gemeinschaftszimmers eine Höhle eingerichtet. Zwar schlief er nicht mehr, aber er hörte gern den Geschichten zu, die die Erzieher und Erzieherinnen vorspielten. Oft war dabei von Dieben, Polizistinnen oder schlauen Kindern die Rede. Der jüngere musste oft schmunzeln. Denn diese Geschichten würden im wahren Leben doch nie so passieren, wie sie erzählt wurden. Außer seinem älteren Bruder und ihm selbst gab es doch in Wirklichkeit keine Kinderdetektive. Das Hörspiel an diesem Tag handelte von einem gefährlichen Räuber, der Geld aus einer Bank stehlen wollten. Die größeren Kinder lauschten gespannt der Geschichte. Die kleineren schliefen unterdessen im Ruheraum. Selbst der Erzieher und die Erzieherin hatten es sich auf der Couch gemütlich gemacht und die Augen geschlossen.
Jetzt war es im ganzen Kindergarten muxmäußchenstill. Naja, nicht ganz. Denn an der Eingangstür konnte man ein leises Fluchen hören. Davor nämlich versteckten sich zwei finstere Gestalten, die versuchten, die Tastenkombination am Türschloss herauszufinden. Seit zwei Monaten waren sie jeden Tag zu Mittag angeschlichen gekommen, um verschiedenen Nummern auszuprobieren. Am ersten Tag fingen sie mit 0001 an, dann 0002, 0003 und immer so weiter. Nie aber wollte die Tür aufspringen. „Äh, bei welcher Nummer sind wir denn jetzt?“, raunte ein Dieb zu dem anderen zu. „Hast du das schon wieder vergessen?“, schimpfte sein Komplize und stellte die Zahl 2845 ein. Nichts passierte und der Dieb ärgerte sich zum 2845 Mal. „Lass mich doch mal“, verlangte der zweite Dieb und schubste den ersten zur Seite. Doch dann zögerte er: „Äh? Was kommt noch einmal nach 5?“, fragte er verlegen. „Du bist selbst zu dumm einen Kindergarten auszurauben“, schimpfte der erste und tippte 2846 ein. Plötzlich sprang die Tür mit einem leisen Summen auf. Die Diebe konnten es gar nicht fassen: Sie hatten es wirklich geschafft. Das Zahlenschloss war geknackt.
Leise und auf Zehenspitzen schlichen sie jetzt in den Kindergarten. „Oioioioi!“, freute sich der zweite Dieb, als er ins Ankleidezimmer blickte. Denn dort sah er das ganze Spielzeug der Kinder in den Eigentumsfächern: „Heute machen wir fette Beute“, rief er voller Freunde und rieb sich die Hände. „Leise!“, zischte der erste Dieb. Dann nahm er zwei Turnbeutel der Kinder und die beiden begannen, alle Spielsachen einzusammeln.
Die Diebe waren so in ihrem Raubzug versunken, dass ihnen gar nicht auffiel, dass die Geschichte in dem Ruhezimmer einen Stock höher zu Ende war. Viele Kinder standen schon auf, streckten sich und räumten die Matratzen, auf denen sie sich ausgeruht hatten, zur Seite. Dann wollten sie ihr Lieblingsspielzeug wieder holen.
Das Knarren der Treppen ließ die beiden Diebe aufschrecken. „Du solltest doch Schmiere stehen!“, fauchte der eine den anderen an. Der zweite Dieb zuckte mit den Achseln: „Ich hab nicht gewusst, was das bedeutet. Warum soll ich mich anschmieren?“ – „Schmiere stehen, heißt, dass man aufpasst, dass keiner kommt!“, grummelte der erste Dieb erbost und spähte selbst um die Ecke. Dort konnte er schon die ersten Kinder sehen, die auf das Ankleidezimmer zukamen. „Ojeojeoje!“, jammerte er und stieß seinen Komplizen fast um. „Wir müssen uns versteckten! Schnell!“ Die beiden sahen sich fieberhaft um. In letzter Sekunde fanden sie einen Unterschlupf und verschwanden.
Jetzt traten die Kinder ein. Sie blickten um sich und sahen… nichts: Keine Diebe aber auch keine Spielsachen. Aufgeregt rannten sie zu den Erziehern zurück und riefen: „Unsere Spielsachen wurden gestohlen!“ Doch die Erwachsenen schüttelten ihre Köpfe und glaubten ihnen nicht: „Diebe, die Spielsachen stehlen, gibt es doch nur in Kindergeschichten,“ behauptete die Erzieherin. Der Erzieher meinte sogar, dass die Kinder ihnen nur einen Streich spielen wollten.
Da trat der jüngere der Brüderdetektive nach vorn. Auch er hatte das Ankleidezimmer begutachtet. Ihm war sofort klar, dass hier wirklich ein Verbrechen vorlag. Doch selbst seinen Ausführungen schenkten die beiden Erzieher keinen Glauben: „Der Räuber war doch nur in der Geschichte“, versuchten sie den Kindern zu erklären: „Das war doch nicht die Wirklichkeit.“
Ihr müsst wissen, zu dem Zeitpunkt, an dem diese Geschichte spielte, war der jüngere der Brüderdetektive für die meisten Erwachsenen noch ein ganz normaler Junge. Erst viel später würde er und sein Bruder als Detektive in der ganzen Stadt bekannt werden. Die Kinder aber wussten jetzt schon von dem feinen Spürsinn der beiden Brüder und vertrauten ihnen.
„Wir müssen die Sache selbst in die Hand nehmen“, flüsterte er seinen Freunden zu: „Wenn mein Bruder aus der Schule kommt, wird er uns helfen. Bis dahin müssen wir den Kindergarten überwachen“. Die Kinder erklärten sich sofort bereit, dem jungen Detektiv beiseite zu stehen. „Wir sind zwar nicht so stark wie die Diebe“, schärfte er ihnen ein: „Aber wir schlau und so können wir sie austrixen.“
Der jüngere der Brüderdetektive stellte nun verschiedene Wachmannschaften zusammen. Eine Gruppe sollte den Eingang überwachen. Eine zweite wurde zum Hinterausgang geschickt, der in den Garten führte. Diese beiden Gruppen würden Alarm schlagen, sobald die Diebe versuchten, sich aus dem Staub zu machen. Der junge Detektiv selbst aber führte den den gefährlichsten Trupp an; nämlich die Gruppe, die die Diebe überall im Kindergarten suchen würde.
Denn wo waren die beiden Schurken überhaupt abgeblieben und wie hatten sie sich so schnell verstecken können? Das war nämlich so: Das Ankleidezimmer hatte eine zweite Tür zu einem Waschraum. Dort stand immer eine riesige Tonne in der Ecke. Der erste Dieb hatte diese Tonne entdeckt und sich darin versteckt. „Ich will auch mit rein“, flehte der zweite aber das Versteck war nicht groß genug. Daher hastete er weiter und verkroch sich in einem großen Eimer, der neben der Küche stand.
So waren die beiden Diebe den Kindern vorerst entkommen. Doch die Schurken hätten besser zuerst überprüfen sollen, was in diesen Tonnen war, in denen sich versteckten. Im Kindergarten gab nämlich es auch sehr kleine Kinder, die noch Windeln trugen. Wenn diese Windeln ausgewechselt werden mussten, kamen sie… genau in die Tonne, in der der erste Dieb jetzt drinnen saß. „Wäh, hier stinkt’s!“ fluchte er leise, als er den Deckel über sich zugezogen hatte.
Der zweite Dieb hatte es nicht viel besser getroffen. Denn er hatte sich in der Biomülltonne der Küche des Kindergartens versteckt. Ein Koch öffnetet jetzt den Deckel und entsorgte darin die Spagettireste des Mittagessens. Die Haare des zweiten Diebes wurden über und über mit klebrigen Spagetti bedeckt. „Ich hasse Spagetti“, protestierte er, aber zum Glück für ihn so leise, dass der der Koch ihn nicht hörte.
Während die Kinder nun einen Stock höher mit den Erziehern sprachen, krochen die beiden Diebe aus ihren Verstecken. „Du stinkst nach Kaka!“, war das erste, was der zweite Dieb zu seinem Komplizen sagte. „Halt den Mund, Spagettigesicht“, gab der erste Dieb gereizt zurück: „Denk lieber nach, wie wir hier herauskommen“. Denn so einfach war das nicht. Die Diebe erkannten, dass die Kinder Wachposten an allen Ausgängen postiert hatten. „Wir müssen ein offenes Fenster finden und raushüpfen“, überlegte der erste Dieb und sein Komplize stimmte ihm zu. Die beiden schlichen daraufhin aus dem Ankleidezimmer.
Auch der jüngere der Brüderdetektive roch den seltsamen Geruch im Kindergarten. Eigenartig, dachte er und kombinierte richtig, dass der Gestank etwas mit den Dieben zu tun haben müsse. Denn bevor die Spielsachen gestohlen worden sind, hatte es ja noch nicht so gerochen. Er wünschte sich im Stillen, sein Bruder wäre schon bei ihm, damit sie gemeinsam den Fall lösen könnten. „Wir machen es wie die Spinnen“, meinte er schließlich zu seinen Freunden und erklärte seinen Plan.
An der Wand im Gang des Kindergartens waren nämlich verschiedene Klangspiele angebracht. Es gab Glocken und schwingende Seiten, die unterschiedliche Töne hervorbrachten. Jedes Kind konnte so selbst Musik machen, wann immer es Lust dazu hatte. Der junge Detektiv nahm einen Faden, den er seit der Handarbeitswoche in seinem Fach hatte, und verband damit die Klangspiele untereinander. Als er mit seiner Arbeit fertig war, sah der Gang aus wie das Netz einer Spinne. Wenn sich die Diebe darin verstrickten, würden die Glocken und Seiten zu schwingen beginnen und die Kinder alarmieren. Spinnen machen es genau so, wusste der jüngere der Brüderdetektive. Er hatte nämlich ein Lexikon über Tiere. Darin wurde erklärt, dass Spinnen fast blind sind. Um ihre Beute zu fangen, verkriechen sie sich in eine Ecke des Spinnennetzes und warten darauf, dass das Netz zu schwingen beginnt. So wissen sie nämlich, dass ein Insekt sich darin verfangen hat.
Der junge Detektiv versteckte sich nun mit seinen seinen Freunden in der Höhle, die er ja eigentlich nur für die Mittagsruhe gebaut hatte .
Sie mussten aber nicht lange warten, denn schon kurze Zeit später klingelte es stürmisch von den Glocken im Gang. Die Kinder hatten sich zuvor mit Kochtöpfen und Löffel bewaffnet und schlugen jetzt fest darauf ein. Sie wollten die Diebe zu erschrecken und aufscheuchen. „Diebe kommt raus! Wir wissen, dass ihr da seid!“, riefen die Kinder so laut sie nur konnten.
Und wirklich: Wie es der jüngere Bruderdetektiv vorhergesagt hatte, hatten sich die Diebe in den Fäden am Gang verstrickt. Als sie den Lärm der Kinder hörten, bekamen sie es mit der Angst zu tun. Sie versuchten sich aufzuraffen, doch dadurch verstrickten sie sich nur noch mehr in dem Netz aus Fäden. Die Glocken zu beiden Seiten des Gangs klingelten wieder und wollten gar nicht mehr aufhören.
Das machte die Diebe nur noch panischer: „Wir müssen weg!“, rief der erste Dieb und versuchte den Faden, der sich um seine Füße gewickelt hat, abzureissen. Doch als er zur Eingangstür hoppeln wollte, rutschte er auf den Spagettiresten aus, die dem zweiten Dieb vom Kopf gefallen waren und jetzt im ganzen Gang verstreut lagen. Er fiel der Länge nach auf dem Boden und sein Komplize stolperte über ihn drüber. Dabei flog eine volle Windel, noch in seiner Tasche war, in hohem Bogen nach vorn und platschte genau ins Gesicht des zweiten Diebes: „Ahhh, ich kann nichts mehr sehen!“, jaulte er und riss sich die Windel vom Gesicht. „Ich bin vielleicht ein Spagettigesicht. Aber du bist jetzt ein Kakagesicht“, feixte der zweite Dieb hämisch.
Aber er sollte sich nicht lange freuen. Denn jetzt endlich erkannten auch die Erzieher die Gefahr und riefen die Polizei. Als die beiden Diebe das Martinshorn der anrückenden Autos hörten, unternahmen sie einen letzten Ausbruchsversuch. Sie rissen alle Fäden ab und rannten mit ihren Diebesgut zur Eingangstür.
Aber genau in diesem Moment kam der ältere der Brüderdetektive mit seinem Vater herein, um den jüngeren abzuholen. Als der Papa die Tür aufschwang knallten die beiden Diebe mit vollen Karacho dagegen. Boing! Die Fieslinge torkelten nach hinten und fielen hin. Die zwei Säcke mit den gestohlenen Spielsachen krachten auf ihre Bäuche.
Der Papa wollte sich gerade entschuldigen und den Dieben wieder aufhelfen, als die Polizei eintraft. Sie nahmen die Schurken fest und gratulierten dem Papa, der wieder einmal gar nicht recht wusste, was passiert war.
Der älterer Detektiv aber erfuhr von seinem jüngeren Bruder sofort, was sich zugetragen hatte. Die beiden beschlossen, die Sache nicht aufzuklären. Denn ihr Papa war so stolz und erzählte allen seinen Freunden, wie er heldenhaft seinen Sohn vor den bösen Dieben gerettet hatte. Die beiden Brüder nickten dann immer brav und stimmten ihrem Papa zu. „Ja, ja, genau so war es“, sagten sie und grinsten sich an. Denn sie fanden es gut, dass ihr Papa die Lorbeeren für die Aufklärung des Verbrechens einheimste und sie unerkannt blieben. Es war ja manchmal ganz okay, von den Erwachsenen unterschätzt zu werden. Dann ließen sie einen in Ruhe und man konnte die wichtigen Entscheidungen selbst treffen.
Die meisten Kinder der Stadt wussten seit dieser Episode sowieso Bescheid, wer der Brüderdetektive waren. Aber Kinder wissen sowieso immer schon früher als Erwachsene, worum es wirklich geht.