
Es war fast Mitternacht in der Stadt und alle Kinder schliefen. Nur wenn man noch wach gewesen wäre und ganz genau hingehört hätte, dann hätte man Flüstern und Fluchen vernehmen können: „Du bist mir über die Füße gefahren“ beschwerte sich eine Stimme leise. „Hör doch auf zu Jammern und säg’ weiter“, gab eine andere Stimme barsch zurück. Dann knirschte Metall auf Metall, wie wenn man Eisen zersägen wollte. „Aua!“, schrie die erste Stimme kurz auf: „Jetzt hab ich mir auch noch in den Finger geschnitten“ – „Du bist doch so dumm wie ein Stück Toastbrot ohne Schinken und Käse!“, schimpfte der andere: „Los!“ Zwei Gestalten schleppten jetzt etwas weg und verschwanden. Dann legte sich wieder Stille über die Stadt.
Am Morgen des nächsten Tages wachten zwei Brüder mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Sie aßen Frühstück, zogen sich an, schrubbten die Zähne, verabschiedeten sich von ihrem Papa und gingen in den Keller, um ihre Fahrräder zu holen. Der eine musst zur Schule. Der andere in den Kindergarten, der seine Pforten gleich neben der Schule hatte. Und wisst ihr noch, wie diese beiden Brüder genannt wurden? Es waren natürlich die Brüderdetektive.
Doch als die Beiden die Kellertür schlossen und sich auf den Weg machen wollten, bemerkten sie, dass alle Fahrräder, die auf der Straße abgestellt worden waren, verschwunden waren. „Sie wurden gestohlen“, klagten die Kinder, die jetzt zu Fuß in die Schule gehen mussten. Die beiden Detektive blickten sich an und wussten: Das ist ein neuer Fall.
Am Nachmittag machten sie sich sogleich an die Arbeit und nahmen die Ermittlungen auf. Mit Pinsel und Grafitpulver untersuchten sie die Fahrradständer, an denen die gestohlenen Räder angeschlossen worden waren. Mit diesem speziellen Pulver kann man nämlich Fingerabdrücke sichtbar machen. Nur leider trugen die Fahrraddiebe Handschuhe. „Was machen wir jetzt?“ fragte der Jüngere den Älteren. Beide steckten ihre Köpfe zusammen und wussten bald, was sie zu tun hatten.
Wenig später klopften sie an der Tür von Annelene. Denn das Nachbarskind war eine geniale Erfinderin und hatte immer die besten Ideen, wie man Dieben Fallen stellen konnte. Annelene grübelte, kritzelte mit Buntstiften auf ihren Malblock und hatte bald eine ihrer brillanten Ideen, die sie den Brüderdetektiven ins Ohr flüsterte.
An diesem Abend stellten die Kinder ihre Fahrräder nicht wie sonst immer in den Keller sondern verschlossen sie an dem Fahrradständer vor der Tür. „Was macht ihr denn mit den Ketchup?“, fragte ihr Papa verwundert, als sie die Tube aus dem Kühlschrank nahmen. „Das erklären wir dir morgen“, gaben die beiden Brüder zurück und liefen zurück auf die Straße. Dort montierten sie die Tube Ketchup an eines ihrer Fahrräder und zwar mit dem Verschluss nach unten. An diesen Verschluss hatten sie mit einem Knoten einen Faden gebunden. Der Jüngere konnten nämlich schon sehr feste Knoten binden. Das hatte er in der Kita gelernt. Das andere Ende dieses Fadens machten sie jetzt an dem Fahrradständer fest. Zufrieden betrachteten die beiden Kinder ihr Werk und gingen wieder nach oben.
„Wollt ihr eure Fahrräder nicht in den Keller stellen?“, fragte ihr Papa besorgt. Er hatte sie nämlich aus dem Fenster beobachtet „Nein danke“, gaben die beiden Brüder zurück: „Unsere Fahrräder sind ein Köder.“ Ihr Papa blickte seinen Kindern nach und kratze sich am Kopf. Ihr Papa kratze sich immer am Kopf, wenn er etwas nicht verstand.
Ein „Köder“, müsst ihr nämlich wissen, ist etwas, mit dem man das, was man fangen will, anlockt.
Am nächsten Morgen war Wochenende. Gleich nach dem Frühstück liefen die Brüderdetektive auf die Straße. Ihr Fahrräder waren verschwunden. „Es hat geklappt“. meinte der Jüngere zum Älteren und zeigte nach unten. Denn nicht alles war verschwunden. Am Boden des Gehsteigs waren jetzt rote Tropfen von Ketchup. Denn als die Diebe die Fahrräder mitgenommen hatten, riss der Faden, der ja fest mit dem Fahrradständer verbunden war, den Verschluss der Ketchup Tube auf. So floss die rote Sauce langsam aus der Tube auf den Gehsteig, während die Diebe die Fahrräder wegschleppten. Nun mussten sie nur mehr den Ketchup Spritzern folgen, um zum Versteck der Diebe zu gelangen.
Die Spur endete vor einer Garage. „Wenn die Diebe die ganze Nacht Fahrräder gestohlen haben, sind sie sicher müde“, kombinierten die beiden Brüder und schlichen näher. Und richtig, als sie durch das Garagenfenster blickten, sahen sie die Diebe am Boden der Garage liegen und laut schnarchen: „Hrrrrrrrh“, machte der eine. „Pfffffffft“, der andere. Zu beiden Seiten der Garage waren die gestohlenen Fahrräder hoch aufgetürmt. Ganz oben konnten die Brüderdetektive sogar ihre eigenen Fahrräder sehen.
Die beiden Kinder blickten sich an: „Hast du?“, fragte der Ältere. „Natürlich“, antwortete der Jüngere und holte seine Wasserbomben hervor, die er immer dabei hatte. Der Ältere wiederum zerknüllte ein wenig Laub, das von letzter Nach noch feucht war, und spannte es in seine Steinschleuder ein. „Bereit?“, fragte er seinen Bruder und der nickte. Dann schoss der Ältere das feuchte Geschoss genau in den Kragen des Hemds eines Diebs. Der wachte sofort auf: „Wäh!“, rief er und zuckte hin und her, als der kalte Laubmatsch seinen Rücken hinabfloß. Dabei stieß er mit den Schuhen seinem Komplizen in den Bauch. „Hey! Warum trittst du mir in den Bauch?“, rief der verärgert. „Du hast mir Matsch in meinen Kragen geworfen?“, beschuldigte ihn der erste Dieb.
Jetzt war der Jüngere der Brüderdetektive an der Reihe. Er nahm seine kleinste Wasserbombe, zielte und schoss sie auf den Bauch des zweiten Diebes. Platsch! „Du hast mich angespuckt“, beschuldigte der seinen Komplizen und versetzte ihm einen Stoß. „Hör sofort auf mich zu schubsen!“, schrie ihn der andere an und schubste zurück. „Du hast angefangen!“, erwiderte der zweite Dieb wütend und zeigte ihm die Zunge.
Die Brüderdetektive beobachten die Szene von ihrem Versteck aus und grinsten. Denn genau das war ihr Plan gewesen. Sie wollten die beiden Diebe gegeneinander ausspielen. Jetzt holte der Ältere zum entscheidenden Schlag aus. Er zerknüllte ein kleines Papierstückchen, das er noch in seiner Tasche gefunden hatte, und bestückte damit seine Schleuder. Dann schoss er es genau in den Mund des ersten Diebes.
Dieser verschluckte sich und hustete. „Bwäh! Jetzt hab ich wegen dir auch noch eine Fliege verschluckt“, ärgerte er sich und schubste seinen Komplizen so fest, dass er zu Boden fiel. „Na warte“, drohte der Dieb und warf sich auf ihn. Die beiden stolperten zurück und knallten mit vollem Karacho in die aufgetürmten Fahrräder.
Der Berg von Rädern taumelte ein wenig nach links, dann nach rechts und stürzte schließlich krachend auf die Diebe. „Auauaua!“ heulte der eine. „Oioioioi“, wimmerte der andere. Die beiden Schurken wurden unter all den Fahrrädern, die sie gestohlen hatten, begraben. Sie steckten fest und konnten sich nicht mehr befreien.
Die Brüderdetektive aber standen von ihrem Versteck auf und riefen fröhlich in die Garage: „Hallo Diebe!“ Da wussten die beiden Halunken, dass sie verloren hatten: „Die Brüderdetektive“, jammerten sie niedergeschlagen: „Wir geben auf“.
Die Kinder holten jetzt ihren Papa, der mit seinem Handy die Polizei rief. Die Diebe wehrten sich nicht mehr, als die Polizisten sie aus dem Fahrradberg befreiten und in Handschellen abführten. „Aber wie bringen wir jetzt die ganzen Fahrräder zu den Kindern zurück?“, grübelte ihr Papa und kratze sich schon wieder. Doch auch dafür hatten die beiden Brüder bereits eine Lösung parat.
Sie vereinbarten mit der Polizei, dass die Straße vor der Garage das ganze Wochenende abgesperrt blieb. Alle Kinder der Stadt durften kommen, sich ihr Fahrrad heraussuchen und nach Herzenslust die gesperrte Straße auf- und abdüsen. Sie machten Wettrennen, Verkehrstraining und sogar einen Slalomwettbewerb. Und am Sonntag Abend gingen alle Kinder müde und zufrieden schlafen.