
„Da ist ja schon wieder eine Socke zu wenig!“, rief der Papa der Brüderdetektive aus dem Schlafzimmer und kratze sich am Kopf. Die beiden Kinder sahen sich an und zuckten mit den Schultern. Ja, ja, die Socken! Viele vermeintliche Fälle haben die Brüderdetektive schon wegen verschwundener Socken aufgenommen und immer wieder sind diese Socken schließlich doch aufgetaucht: In der Waschmaschine ganz oben an die Trommel geklebt. Im Türzwischenraum des Trockners eingezwickt. In einer Ecke des Trockenraums im Keller verborgen oder in der Bettwäsche eingewickelt.
„Die Socken haben ein geheimes Leben“, flüsterte der Papa seinen beiden Jungs oft verschworen zu: „Sie fürchten sich vor dem dunklen Kleiderkasten und deshalb hauen sie immer wieder ab.“ Seine beiden Söhne wussten manchmal nicht so recht, ob er wirklich nur Spaß machte. „Aber warum ist es dann immer nur eine Socke?“, wollte der Ältere diesmal wissen. „Weil sie sich streiten!“, gab ihr Papa zurück: „Die Socken sind wie zwei Geschwister, die nie Kompromisse schließen können. Der eine will sich da verstecken. Der andere dort. Und am Ende liegen sie dann allein irgendwo herum“. Der Papa nickte sich selbst zu und ging mit gesenkten Blick auf die Suche nach den geflohenen Socken aus dem Zimmer.
„Irgendwie ist es aber schon seltsam“, überlegte der Jüngere der Brüderdetektive. Denn seit der Trockner kaputt gegangen war und die Wäsche im Trockenraum des Kellers aufgehängt wurde, häuften sich die vermissten Socken. „Vielleicht sollten wir das doch überprüfen“, stimmte der Ältere seinem Bruder zu: „Wir brauchen so etwas wie eine Alarmanlage“, führt er fort. Die beiden blicken sich an und hatten die gleiche Idee: Annelene.
Annelene war das Nachbarskind und ein wenig älter als der jüngere der beiden Brüder. Sie war auch ein wenig größer, konnte eine Wasserbombe aber nicht ganz so weit werfen wie die beiden Jungs. Das musste sie auch nicht. Denn Annelene war eine geniale Erfinderin. Ihre Konstruktionen hatten den beiden Detektiven schon oft geholfen, die Diebe auch ohne Wasserbomben einzufangen.
Die beiden Brüder klopften also an die Tür von Annelene und fragte sie um Rat: „Wir brauchen eine Alarmanlage, um herauszufinden, ob jemand Socken im Trockenraum verschwinden lässt“. Annelene hörte sich ihre Ausführungen stumm an und überlegte. Dann ging sie in die Küche und kam mit einer Packung Mehl zurück. „Wir wollen aber nichts backen“, meinten die Brüderdetektive vorsichtig. Vielleicht hatte Annelene sie ja nicht richtig verstanden. Aber das Mädchen lachte nur: „Das Mehl müsst ihr auf dem Boden des Kellers ausstreuen. Wenn dann am Morgen Fusspuren zu sehen sind, wisst ihr, dass jemand im Trockenraum war“, erklärte sie den beiden Jungs. „Genial“, riefen die Brüder und setzten Annelenes Idee sofort in die Tat um.
Sie betraten den Trockenraum und zählten die Socken auf der Wäscheleine. Dann streuten sie das Mehl fein säuberlich vor der Tür aus und gingen zurück in ihre Wohnung, um sich bettfertig zu machen.
Es war schon mitten in der Nacht, als im Keller zwei fiese Gestalten auftauchten. Es waren die Diebe. „He, he, he. Das war wirklich eine geniale Idee von dir“, grunzte einer der beiden Fieslinge. „Ich weiß, ich weiß“, gab der andere Dieb hochnäsig zurück: „Socken zu stehlen ist brillant“ – „Ja, brillant“, wiederholte der zweite Dieb, denn er wusste, dass sein Komplize es mag, wenn man ihm zustimmte. Aber ganz verstanden hatte er den Pan noch nicht: „Ähhh… warum, stehlen wir eigentlich immer nur eine Socke?“, fragte er zögerlich. „Damit es nicht auffällt“, gab der erste Dieb genervt zurück: „Einzelne Socken verschwinden ja sowieso am laufenden Band. Und wenn es erst einmal keine zwei gleiche Socken in der Stadt gibt, eröffnen wir ein Geschäft, dass nur einzelne Socken verkauft.“ – „Ja, genau, jetzt weiß ich’s wieder“, ereiferte sich der zweite Dieb: „Wir verkaufen den Menschen dann nämlich genau die Socken, die wir ihnen vorher gestohlen haben. Brilliant!“ Die beiden Diebe lachten durchtrieben und nahmen die einzelne Socken von der Wäscheleine. Daraufhin schlichen sie wieder aus dem Keller. „Häh, warum sind unserer Schuhe ganz weiß“, wunderte sich der zweite Dieb noch. „Ist doch egal!“, raunte der erste Dieb ihm zu und stieß seinen Komplizen weiter zur Kellertür.
Am nächsten Morgen liefen die Brüderdetektive gleich in den Keller und entdeckten, dass die Socken verschwunden waren. Dann sahen sie dieFußspuren, die deutlich im Mehl am Boden des Kellers zu erkennen waren. Jetzt wussten sie Bescheid: „Es gibt tatsächlich Sockendiebe!“ riefen sie gemeinsam.
Kurze Zeit später klopften sie wieder an Annelenes Tür. „Wir brauchen eine Falle, die die Diebe einfängt“, flüsterten die beiden Brüder ihr zu, als sie aufmachte. Annelene holte ihren Malblock hervor und begann mit ihren Buntstiften wild darauf herum zu kritzeln. Dann nahm sie einige Stofftiere, zwei Puppen und ihr Spielzeugschloss und entwarf so ein kleines Model ihrer Idee. Die Brüderdetektive besahen sich die Konstruktion und staunten. Annelenes Dieb-Falle war genial!
„Was macht ihr denn da?“, fragte Annelenes Mama, als sie die drei in einer Ecke des Wohnzimmers tuscheln sah. „Wir spielen Ritter mit meinen Puppen“, log Annelene und grinste. „Warum denn nicht?“, fügte der Ältere hinzu: „Auch Jungs können mit Puppen spielen“. Das meinte der Ältere auch so, wie er es sagte. Es ist doch egal, mit was man spielt. Hauptsache man hat Spaß. „Das stimmt“, antwortete Annelenes Mama und ging wieder auf die Suche. Denn auch in ihrer Wohnung waren alle einzelnen Socken verschwunden.
Kurz nach dem Abendessen, bauten die beiden Kinder im Keller die Falle nach Annelenes Plänen auf. Dazu brauchten sie einen Rechen aus dem Garten. Einen Sack Sand aus dem Sandkasten. Die alte Bowlingkugel von Annelenes Mama und ein langes Seil, mit dem Ihr Papa früher in den Alpen klettern war. Bevor sie schlafen gingen versicherten sie sich noch, dass kein andere Bewohner des Hauses in der Nacht seine Wäsche holen wollte.
Als tief in der Nacht die Diebe wieder kamen, hatten sie noch keine Ahnung, was ihnen gleich blühen würde. Sie schlichen zumTrockenraum und öffneten die Tür. Jetzt schnappte die Falle zu. Die Türschnalle war nämlich mit der Bowlingkugel verbunden. Als sie jetzt heruntergedrückt wurde, setzte sich die Kugel in Bewegung. Sie rollte geradewegs auf den Rechen zu. Der Rechen war nämlich so aufgestellt, dass der Sandsack darauf balancierte. Als der Stoß der Bowlingkugel den Rechen jetzt umkippte, rauschte der Sandsack in die Tiefe. Am Ende des Sandsacks war ein Seil, das über die Decke auf die andere Seite der Tür führte. Das Ende des Seils hatte die Brüderdetektive als Schlinge auf dem Boden ausgelegt. Und zwar genau dort, wo die beiden Diebe jetzt standen. Mit einem Ruck zog sich die Schlinge zu. Die beiden Diebe wurden nach oben gerissen. „Oioioi“, schrie der eine Dieb, als er das Gleichgewicht verlor. „Eieieieiei“, jammerte der andere, als er mit dem Kopf nach unten von der Decke baumelte.
Der Lärm schreckte alle Eltern im Haus auf. Sie kamen in den Keller gelaufen und sahen die beiden Schurken dort gefangen. Sofort riefen sie die Polizei, die die Halunken prompt verhaftete.
Noch lange nach dieser Nacht rätselten die Bewohner des Hauses, wer diese geniale Dieb-Falle erfunden und gebaut hatte. Ihr müsst wissen, diese Geschichte spielte zu einer Zeit, als die Brüderdetektive noch nicht berühmt waren und die Menschen der Stadt sie noch nicht kannten. Nur ihr Papa und Annelene wussten Bescheid. Doch sie verrieten nichts. Denn manchmal ist es besser, wenn Detektive und geniale Erfinder unerkannt bleiben.