DIE GEISTERVILLA

Eines Tages wurden die Brüderdetektive von der Besitzerin eines alten Landgutes gerufen, die behauptete, dass ein Geist in ihrem Haus sein Unwesen treibt. Ihr Papa wollte mit seinen Kindern schon immer einmal einen Ausflug machen und so fuhren die Drei am nächsten Wochenende zu der Villa. Die Besitzerin stellte sich vor. Sie hieß Molly und führte die Brüderdetektive durch die alten Räume des Landsitzes. In der Nacht höre man das Rasseln von Ketten, erzählte Molly mit banger Stimme. Einmal haben Gäste des Landsitzes sogar einen Geist gesehen, behauptete sie. Seitdem ist niemand mehr zu Besuch gekommen. Jede Nacht verschloss Molly jetzt die Tür zu ihrem Schlafzimmer und traute sich nicht mehr in die Gänge. 

Die Brüderdetektive hörten sich Mollys Ausführungen genau an. Dabei blickten sie sich an und zwinkerten sich zu. Denn an Geister und Gespenster glaubten beide schon lange nicht mehr. Ihr Papa aber bekam immer größere Augen und schaute sich immer wieder ängstlich um. Später, als es Zeit wurde, schlafen zu gehen, fragte ihr Papa seine beiden Söhne: „Soll ich nicht vielleicht in Eurem Zimmer schlafen. Es kann ja sein, dass ihr in der Nacht Angst bekommt. Dann kann ich euch beschützen.“ – „Nein, Papa, wir fürchten uns doch nicht“, wollte der Jüngere der beiden schon erwidern. Doch der Ältere stupste seinen Bruder an und antwortete: „Ja, Papa, bitte schlaf bei uns“. In Wahrheit, das wusste der Ältere, war es ja nur ihr Papa, Angst hatte, allein in einem Zimmer zu schlafen. Sein jüngerer Bruder verstand sofort und fügte noch hinzu: „Wenn du bei uns bist, fürchten wir uns bestimmt nicht“. Nach dem Abendessen also kuschelten sich die Drei im Zimmer der Brüderdetektive in ihre Decken.  

Kurz vor Mitternacht weckte ihr Papa seine Kinder aber auf. „Papa, was ist los?“, fragten sie ihn neugierig: „Hast du etwas gehört?“ – „Nein“, antwortete er und machte ein verlegenes Gesicht: „Aber ich muss aufs Klo…“. – „Und warum weckst du uns dann auf und gehst nicht einfach?“, fragte der Jüngere verschlafen. „Ich wollte euch nicht allein lassen“, stammelte ihr Papa und die beiden Brüder wussten Bescheid. Ihr Papa traute sich offenbar nicht, allein den langen Gang bis zum Klo zu gehen. Also behaupteten die Kinder, auch aufs Klo zu müssen und alle drei standen auf. Sie öffneten die Tür zu ihrem Zimmer und betraten den Flur. Doch plötzlich blieb ihr Papa wie angewurzelt stehen. Da war doch ein Rasseln? Die Brüderdetektive blickten sich an: Ja, sie hörten es auch! Es kam vom unteren Stockwerk. Die Kinder wendeten sich zu den Treppen: „Lass uns nachschauen“, flüsterte der Jüngere und der Ältere nickte. Ihr Papa aber begann zu zittern: „Aber da unten ist doch ein Geist!“ raunte er seinen Kindern zu. „Keine Angst, Papa, Geister gibt es doch nicht wirklich“, versuchte ihn der Größere ihn zu beruhigen: „Geh du einmal schön aufs Klo. Wir übernehmen das“. Das lies sich ihr Papa nicht zwei Mal sagen. Er lief den Gang hinab und schloss sich im Klo ein. 

Die beiden Brüderdetektive aber schlichen sich zu den Treppen und spähten hinunter. Das Rasseln wurde lauter und jetzt sahen die beiden Kinder wirklich eine weiße Gestalt, die dort unten in der Eingangshalle auf und ab ging. Die beiden Brüder blickten sich an. „Hast du?“, fragte der Ältere den Jüngeren. „Natürlich“, antwortete dieser. Denn der Jüngere hatte immer zumindest ein paar seiner Wasserbomben mit dabei. „Wollen wir einmal sehen, ob dieser Geist Wasser mag“, witzelte der Ältere. Sein Bruder holte seine Bomben hervor, zielte und warf. Platsch!, machte es und der Geist war von oben bis unten nass. Die beiden kicherten: „Ich dachte, Geister können gar nicht nass werden“, scherzte der Jüngere. Die Gestalt unten schrie auf, schüttelte sich und nahm das nasse, weiße Tuch vom Kopf. Jetzt sahen die Brüderdetektive auch, wer es war, der sich hier als Geist ausgab. Es war: Molly!

Ein wenig später saßen sie alle in Mollys gemütlicher Küche bei einem warmen Gas Milch. Ihren Papa hatten sie natürlich vom Klo geholt und ihm berichtet, was geschehen war. Doch er verstand kein Wort: „Aber wie? Wieso? Molly, warum hast du dich selbst als Geist verkleidet?“, wollte er von ihr wissen. Molly entschuldigte sich zuerst, dass sie die Brüderdetektive angeschwindelt hatte und begann zu erzählen. „Das Landgut soll verkauft werden“, begann sie: „Die neuen Besitzer wollen alles niederreißen und ein Hotel daraus machen.“ Sie aber wohnte doch schon seit ihrer Kindheit hier. Ihre Eltern wurden hier geboren und sie liebte diese Gemäuer, auch wenn alles schon ein wenig in die Jahre gekommen war. Also hatte Molly den Plan gefasst, Geist zu spielen. Denn wenn alle glaubten, dass es in dem Landgut spukte, dann würden keine Gäste kommen. „Und wenn keine Gäste kommen, dann werden die neuen Besitzer auch kein Hotel hier bauen wollen“, begründetet Molly ihre Plan. „Dann kann ich hier wohnen bleiben.“, schloss sie. „Aber warum hast du uns dann gerufen, wenn du nicht willst, dass dein Schwindel auffliegt?“, fragten die Brüderdetektive gleichzeitig verwundert. 

Jetzt schämte sich Molly ein wenig: „Ich habe nicht gedacht, dass ihr meinen Plan herausfinden würdet“, räumte sie ein: „Ich habe geglaubt, wenn erst die berühmten Brüderdetektive aus Leipzig erzählen, dass es in meiner Villa wirklich spukt, dann werden es alle glauben.“ Der Jüngere konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen: „Aber weißt du denn nicht, dass wir die Wahrheit immer herausfinden“ rief er aus. „Habt ihr euch denn gar kein bisschen vor mir gefürchtet?“, wollte Molly jetzt wissen. Es klang fast ein wenig beleidigt. Die beiden Brüderdetektive blickten sich an und schmunzelten: „Wir sind vielleicht nicht besonders groß und auch für unser Alter nur normal stark. Aber wir halten zusammen und wenn man zusammenhält, fürchtet man sich nicht.“, erklärte der Ältere. „Und wir sind schlau genug, um zu wissen, dass es in Wahrheit gar keine Geister gibt“, ergänzte der Jüngere: „Aber vielleicht“, fügten beide mit einem Augenzwinkern hinzu: „muss sich das ab sofort ändern“. Jetzt konnte auch Molly nicht mehr umhin, zu lächeln, denn sie verstand, was die Brüderdetektive meinten. 

Die vier bleiben in dieser Nacht noch lange auf. Molly erzählte Geschichten vom Haus und ihren Urgroßeltern, die es einst gebaut hatten. Die Brüderdetektive tranken noch viel warme Milch und später holte Molly sogar noch ihre selbst gebackenen Kekse hervor. Sie gingen zu Bett, als der Morgen fast schon graute und wachten erst wieder auf, als es schon Mittag war. Dann verabschiedeten sie sich von Molly und versprachen, ihr Geheimnis niemals Preis zu geben. 

Wenn Euch also irgendwann eimal Kinder begegnen, die steif und fest behaupten, dass die berühmten Brüderdetektive Angst vor Geistern haben, dann schmunzelt nur und widersprecht nicht. Ihr wisst ja jetzt, dass es nur ein Trick ist, damit Molly weiter in ihrem Haus wohnen kann. 

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